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Johanneum Lüneburg | Dr. Dörte
Haftendorn Lehrerin am Johanneum (ehemals) |
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| Chronik Hervorragende Schüler Riemanns Jugend |
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Am 24.6.97 habe ich
den Vortrag über Riemann nochmals in Jena, Universität FB
Mathematik gehalten.
Bernhard Riemann| Aus Anlaß der 600-Jahr-Feier des Johanneums im September 2006 hat die Autorin einen Aufsatz verfasst, den sie auf einer im Web zugänglich macht. Der Aufsatz ist in der Schrift "Hervorragende ehemalige Schüler des Johanneums" von Gerhard Glombik erschienen. |
| Am 11. 9. 06 hielt sie um 19:30 Uhr am Johanneum einen öffentlichen Vortrag über Riemann Einladung zu dem Vortrag Webversion dieses Vortrags Download der Powerpoint-Präsentation !!3,6 MB!! |
Bernhard Riemann (1826 - 1866), der nicht nur in
mathematischen Fachbüchern, sondern zum Beispiel auch im
Brockhaus und im Internet als ein Genie bezeichnet wird,
legte vor 150 Jahren sein Abitur am Johanneum ab.
In einem Vortrag, der am 20.9.96 anläßlich des 590.
Geburtstag des Johanneums gehalten wurde, hat Dr. Dörte
Haftendorn den Versuch gewagt, Riemann als Mensch und
Mathematiker zu würdigen. Die Zusammenfassung dieses Vortrags (Johanneum intern Nr. 11 Dez. 96 Red. Frau Dr.
Krämer) ist im Folgenden etwas aufbereitet.
Im Frühjahr 1999 hat sie für die mathematische Gesellschaft in Göttingen die Schulzeit Riemanns ausführlich dargestellt.
Es ist beabsichtigt, an dieser Stelle ein ausführliches
Riemann-Dokument entstehen zu lassen.
Bernhard Riemann wurde 17. September 1826 in
Breselenz bei Dannenberg geboren.Sein Vater war dort Pastor. Sein
Elternhaus wurde vor seinem Abbruch in einer Fotografie
festgehalten.
Hier wuchs
Bernhard mit einem Bruder und vier Schwestern auf. Er hatte eine
glückliche Kindheit, nur litt die ganze Familie unter der Armut
eines Dorfpfarrers. Manche Biographen sehen in der
Unterernährung in der Jugendzeit einen Grund für den frühen
Tod Riemanns, seiner Elten und mehrerer seiner Geschwister.
1833 erhielt der Vater die Pfarrstelle in Quickborn,
einem Dorf in der Elbniederung ganz dicht
bei Dannenberg. Bis in sein 13. Lebensjahr erhielt Bernhard
privaten Unterricht bei seinem Vater und dem Lehrer Schulz. In
Mathematik übertraf er bald seinen Lehrer.
Daher zog er nach seiner Konfirmation Ostern 1840 zu seiner
Großmutter nach Hannover, um dort das Gymnasium zu besuchen.
Anfangs hatte er dort Schwierigkeiten wegen seiner großen
Schüchternheit, machte dann aber gute Fortschritte.
Nach dem Tod seiner dort lebenden
Großmutter kam er 1842 nach Lüneburg und trat in die
Untersekunda (Klasse 10) des Johanneums ein. Es ist bekannt, daß
er seit 1844 bei Dr. Seffer, einem Lehrer des Johanneums, als
"Pensionär zu ermäßigtem Kostgeld" wohnte. Um den
Kontakt zu seiner Familie zu halten, legte er aus Geldmangel die
50 Kilometer nach Quickborn so manches Mal zu Fuß zurück.
Der Direktor des Johanneums
war der pädagogisch begabte und durchsetzungsfähige Dr. Karl
Haage, dem es gelang, die Qualität der Schulbildung so zu
steigern, daß ein Oberschulrat aus Hannover 1829 erklärte,
daß das Johanneum nicht bloß die beste Schule im Hannoverschen
sei, sondern auch unter den dreißig Schulanstalten, die er als
preußischer Schulrat kennengelernt habe. Bernhard Riemann
wurde von Dr. Seffer nicht nur beherbergt, sondern auch
pädagogisch betreut: Der später so berühmte Denker schaffte
nämlich seine Aufsätze nicht in der vorgegebenen Zeit: Er
"blieb immer im Rückstande, [...] daß die Lehrer-Conferenz
den Schulgesetzen gegenüber seinetwegen in Verzweiflung
war."
Nach Haages plötzlichem Tod 1843 wurde mit Friedrich Constantin
Schmalfuß zum
ersten und einzigen Mal ein Mathematiker Direktor des Johanneums.
Er hat es verstanden, die Bedenken, "ob ein Mathematiker
für diesen Posten wohl recht geeignet sei", zu zerstreuen.
Zum Glück für die Mathematik und Bernhard Riemann, denn
Schmalfuß hat sein Talent richtig eingeschätzt und ihm Bücher
der damals führenden Mathematiker zur Verfügung gestellt. In
einem späteren Brief äußerte sich der Mathematiklehrer über
seinen berühmten Schüler: "Die Fassungskraft für
mathematische Gegenstände gab sich mir sofort kund und es
bedurfte bei Riemann nur der Andeutung eines mathematischen
Gesetzes, um dasselbe mit den weitesten Consequenzen und in feste
Form gebracht zu sehen, und zwar in größter
Allgemeinheit." Schmalfuß ließ Riemann zwar am normalen
Mathematikunterricht teilnehmen, aber er "sann darauf, ihm
in jeder Stunde etwas zu bieten, was seinen Kräften angemessen
war, und jedesmal ist er über die Grenze, die ich als seine
Schranke und wohl auch als meine betrachtete,
hinausgegangen...".
Die Abiturprüfung brachte den Lehrer an die Leistungsgrenze: Er
prüfte die Zahlentheorie von Legendre und stellte fest:
"daß ihm alles, worauf ich als Examinator mich nicht ohne
Mühe vorbereitet hatte, [...] geläufig war." Bernhard
Riemanns Maturitäts-Zeugniß erster Klasse Ostern 1846
enthält im wesentlichen gute Beurteilungen - wobei erneut sein
langsames (weil zu gründliches) Arbeiten bei der Abfassung von
Aufsätzen bemängelt wird -, in Mathematik und Physik steht
jeweils das Prädikat vorzüglich, obwohl - trauriges
Vorzeichen - "sein Schulbesuch mehrmals anhaltend durch
Krankheit unterbrochen war."
Die Aussage der Lehrer des Johanneums, daß Riemann
"durch seine Anlagen entschieden auf das Studium der
mathematischen Wissenschaften hingewiesen" sei, gefiel
seinem Vater nicht. Bernhard mußte in Göttingen Theologie
studieren. Nebenbei hörte er aber Mathematikvorlesungen, und
schließlich gelang es ihm, den Vater umzustimmen.
In Göttingen hörte Riemann unter anderem die
Vorlesung von Carl Friedrich Gauß über die Methode der
kleinsten Quadrate. Da ihn die wenigen Vorlesungen, die Gauß
hielt, nicht ausfüllten, siedelte er zum Studium nach Berlin
über, um dort unter anderen Dirichlet zu hören.
Aus Riemanns Zeit in Berlin ist persönlich wenig bekannt. Die
Revolution von 1848 wird als bloße Tatsache in seinen Briefen
erwähnt. Im Frühjahr 1849 kehrte er nach Göttingen zurück und
hörte dort den Experimentalphysiker W. Weber . Als
Mitglied des pädagogischen Seminars beschäftigte sich Riemann
mit naturphilosophischen Fragen, und er legte im November
1850 seine Gedanken über eine einheitliche
mathematisch-physikalische Naturauffassung in einem Aufsatz dar,
in dem er forderte, "eine vollkommen in sich abgeschlossene
mathematische Theorie [...], welche von den für die einzelnen
Punkte geltenden Elementargesetzen bis zu den Vorgängen in dem
uns wirklich gegebenen continuierlich erfüllten Raume
fortschreitet, ohne zu scheiden, ob es sich um die Schwerkraft,
oder die Electricität, oder den Magnetismus, oder das
Gleichgewicht der Wärme handelt". Diese Überlegungen sind
in eine weitgreifende mathematisch-physikalische Arbeitsrichtung
einzuordnen, die im 19. Jahrhundert durch J.Cl. Maxwell, H. v.
Helmholtz und durch H. Hertz schließlich im 20. Jahrhundert zum
Versuch einer allgemeinen Feldtheorie von Albert Einstein
führte.
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Nach jahrelanger
sorgfältiger Vorbereitung konnte Riemann im Dezember 1851 seine
Doktordissertation "Grundlagen für eine allgemeine
Theorie der Funktionen einer veränderlichen komplexen
Größe" abschließen und öffentlich verteidigen. Er führt
darin so wichtige Begriffe wie die Riemannsche Fläche und
Zahlenkugel ein. Das wichtigste Ergebnis dieser auch von Gauß
hoch anerkannten Dissertation ist der berühmte Riemannsche
Abbildungssatz. 1853 wurde Riemann Assistent von W. Weber im
mathematisch-physikalischen Seminar.
Seine
Habilitationsschrift 1854
"Über die Darstellbarkeit einer Funktion durch
willkürliche Funktionen" enthält nicht nur die
Fourierreihen, ohne die elektronische Musik undenkbar ist,
sondern das Riemannsche Integral, ohne dessen Kenntnis heutzutage
niemand Abitur machen kann. Riemanns Habilitationsvortrag 1854
enthielt Erkenntnisse, die ihm einen bleibenden Platz nicht nur
unter den Mathematikern, sondern auch unter den Wegbereitern der
wissenschaftlichen Weltanschauung sicherten. Seine Untersuchungen
über das Vorhandensein von Ursachen für die objektiv realen
Maßverhältnisse und seine Forderung, die physikalische
Forschung in diese Richtung zu orientieren, wird als eine der
genialsten naturwissenschftlichen Leistungen des 19. Jahrhunderts
anerkannt. Sie gingen schließlich bei Albert Einstein in die
Grundlagen der allgemeinen Relativitätstheorie ein.
Es ist verständlich, daß Riemann bei seinen ersten Vorlesungen
trotz sorgfältiger Vorbereitung Schwierigkeiten hatte, der sehr
kleinen Zahl von Studenten seine Gedankengänge nahezubringen,
hatte er doch keinerlei Lehrerfahrung. Zum ersten Mal erhielt er
jetzt ein Jahreshonorar von 200 Talern. Inzwischen fand er jedoch
so viel Anerkennung, daß er als Assessor in die mathematische
Klasse der Göttinger Gesellschaft der Wissenschaften aufgenommen
wurde.
Sein Leben war schwer:
Die Mutter hatte er früh verloren. 1855 starben der Vater und
eine Schwester. Sein in Bremen als Postsekretär lebender Bruder
musste für die drei anderen Schwestern aufkommen, denn Riemann
verdiente als Privatdozent viel zu wenig. Seine ohnedies schon
schwächliche Gesundheit hatte unter den übermäßigen geistigen
Anstrengungen so gelitten, daß eine längere Erholungsreise
notwendig wurde, nach deren Rückkehr er endlich zum
außerordentlichen Professor mit einem Jahresgehalt von 300
Talern ernannt wurde. Als auch der Bruder und eine weitere
Schwester 1857 starben, zogen die beiden verbleibenden Schwestern
zu ihm nach Göttingen. Die in der Familie grassierende Krankheit
war die Schwindsucht, der auch er sechs Jahre später zum Opfer
fiel.
Nach dem Tod Lejeune
Dirichlets, des Nachfolgers von Gauß in Göttingen, wurde
Riemann 1859 zum ordentlichen Professor auf den Lehrstuhl
berufen, den Gauß vier Jahre zuvor noch innegehabt hatte. Nun
wurde ihm die gebührende Anerkennung zuteil und die Berliner
Akademie der Wissenschaften wählte ihn zum korrespondierenden
Mitglied der physikalisch-mathematischen Klasse.
Aus dem Gedankenaustausch mit mehreren renommierten
Berliner Mathematikern ging Riemanns Abhandlung "Über die
Anzahl der Primzahlen unter einer gegebenen Größe" hervor.
Seine geäußerten Vermutungen über die Verteilung der
Primzahlen sind bis heute weder bewiesen noch widerlegt. Als der
hervorragende deutsche Mathematiker David Hilbert gefragt wurde,
wonach er sich zuerst erkundigen würde, wenn er 100 Jahre nach
seinem Tod noch einmal mit Mathematikern zusammentreffen könnte,
soll er geantwortet haben: "Danach, ob die Riemannsche
Vermutung bewiesen ist." Riemanns bisher genannte
Arbeiten sowie weitere Abhandlungen gaben Anlaß zu Ehrungen
durch die Pariser Académie und die Londoner Royal Society.
Im Jahre 1862 befand sich Riemann auf dem Höhepunkt seines wissenschaftlichen Schaffens. In diesem Jahr heiratete er Elise Koch, eine Freundin seiner Schwester. Das Glück wurde bald getrübt: Riemann zog sich eine Brustfellentzündung zu, die nicht richtig ausheilte, obwohl er den Winter mit seiner Frau in Messina verbrachte. Auf der Rückfahrt durch Italien besuchte das Ehepaar die berühmten Kunstschätze in Neapel, Rom, Livorno, Florenz. Bologna und Mailand. Dabei machte Riemann auch die Bekanntschaft der bedeutendsten Gelehrten Italiens. Insbesondere schloß er Freundschaft mit dem Mathematiker E. Betti. Beim Übergang über die Alpen zog er sich eine neue schwere Erkältung zu, die ihn zwang, im Sommer 1863 erneut nach Italien zu reisen. Seine italienischen Freunde verschafften ihm das Angebot einer Berufung nach Pisa, die er aber ablehnte, aus Furcht, wegen seiner Krankheit die Vorlesungen nicht halten zu können. Obwohl sein Gesundheitszustand sich weiter verschlechterte, kehrte er im Herbst 1865 nach Göttingen zurück. Im Winter konnte er täglich einige Stunden arbeiten. Er vollendete noch die Abhandlung über die Theta-Funktionen. Andere Studien mußten abgebrochen werden. Trotz des Krieges zwischen Österreich und Preußen, der die Reise beschwerlich machte, begab sich Riemann im Juni 1866 auf seine dritte Reise nach Italien. Sein Befinden verschlechterte sich rasch, und schon wenige Wochen nach seiner Ankunft am Lago Maggiore verstarb er am 20. Juli 1866, in voller Gewißheit über seinen unmittelbar bevorstehenden Tod und bis zum Schluß an seinen mathematischen Untersuchungen arbeitend.
Die Zahl der von Riemann zu Lebzeiten publizierten und aus dem Nachlass herausgegebenen Arbeiten ist relativ klein. Und doch haben sie durch die Reichweite und Ideenfülle die Entwicklung der modernen Mathematik in vielfältiger Weise gefördert. Genannt seien nur einige im Brockhaus von 1992 enthaltene Stichworte: Riemannsche Flächen, Riemannsche Zahlenkugel, Riemannscher Abbildungssatz, Riemannsches Integral, Riemannsche Zetafunktion, Riemannsche Vermutung, Riemann-Geometrie, Riemannscher Raum, Riemannscher Krümmungstensor. Charakteristisch für Riemann ist, daß er viele mathematische Begriffe auf exakte, heute noch tragfähige Grundlagen stellte. Damit prägte er auch wesentlich den Stil der Mathematik und der theoretischen Physik. 1990 gab der indische Wissenschaftler Raghavan Narasimhan Riemanns "Gesammelte Werke" in Chicago neu heraus: Diese Werkausgabe enthält deutsche, italienische und lateinische Texte mit englischen Kommentaren. Der Verlag sitzt in Berlin, Heidelberg, New York, London, Paris und Tokyo. Mathematik ist weltumspannend!
Ich hoffe, daß ich Ihnen
den Menschen Bernhard Riemann nahe gebracht habe, daß ich
Ihnen eine Ahnung von der Tiefe seiner mathematischen Gedanken
vermitteln konnte, obwohl seine Bedeutung als Mathematiker gerade
darin lag, daß er ohne Rücksicht auf Anschaulichkeit abstrakte
Grundlagen legte.
Zum Abschluss möchte ich nochmals seine Lehrer zu Wort kommen lassen. Dr. Seffer sagt im Schlußsatz seines Briefes: "Ich habe ihn immer lieb gehabt und behalten." Direktor Schmalfuß gesteht: "Ich habe von ihm mehr gelernt, als er von mir." Und am Ende schreibt er: "und bin ihm heute noch für die vielfache Anregung, die er mir gegeben hat, und für die Freude, die ich an seiner wunderbaren Begabung und Entwickelung gehabt habe, für meine ganze Lebenszeit dankbar."
Nun, 150 Jahre nach Schmalfuß, sind Sie Bernhard Riemann begegnet, einem wahrhaft bedeutenden Schüler des Johanneums und Sohn dieser Stadt. Was könnte das Fazit sein? Als Lehrer können wir uns der Verantwortung bewusst werden, die wir für die jungen Menschen tragen, dass sie ihre Fähigkeiten entfalten und ihre Schwächen bewältigen lernen. Als Menschen, jung wie alt, können wir lernen, wie nötig es sein kann, mutig die lang begangenen Pfade zu verlassen und wohlüberlegt und fundiert neue Perspektiven zu eröffnen.
Dörte Haftendorn
Literaturhinweise befinden sich am Ende des ausführlichen Aufsatzes zu Riemanns Jugend
Mathematische Vertiefungen sollen hier bald
verfügbar sein.
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Autor und Web: Dr. Dörte Haftendorn Datum: Dezember 1996. Letzte Änderung am
Neue Gesamtseite zu Riemann
